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Die Situation der Indigenen in Ost-Paraguay

Wenn man heute durch Ost-Paraguay reist, sieht man weite Felder voller Soja, Getreide, Mais, Zuckerrohr und Viehweiden. Nur kleine Waldinseln erinnern an den einst endlosen Atlantischen Regenwald. In diesen Restgebieten – und oft auch an den Rändern von Städten und Straßen – leben die indigenen Gemeinschaften.

Die Guarani-Völker

In der Región Oriental (Ost-Paraguay) leben vor allem Guarani-Völker – Ava Guarani (auch „Paranaense“), Mbya, Paĩ Tavyterã, Guaraní Ñandéva – sowie Aché. Nach der Volkszählung 2022 zählen landesweit rund 140.206 Menschen zu 19 anerkannten indigenen Völkern (ca. 2,29 % der Bevölkerung).  

Indigene Dörfer sind im ganzen Land verteilt, bevorzugt liegen sie bei und in den Restwäldern der Atlantischen Regenwälder (etwa Mbaracayú-Region) sowie entlang großer Flüsse (Paraná, Monday, Acaray). Die fortschreitende Waldumwandlung in der Ostregion hat Siedlungsräume verschoben und Territorien zerschnitten.  

Sie suchen „ihr Glück“

Die Maká sind eine indigene Gruppe mit rund 2.600 Menschen (laut Volkszählung von 2022), die während der Regierungszeit Strössners in die Nähe Asuncións umgesiedelt wurde und heute sowohl in ländlichen als auch im Stadtgebiet leben. Aber auch Familien der Ethnien Mbya und Ava Guarani sind zunehmend in Asunción anzutreffen. Viele suchen ihr Glück in den Städten und so sind im Großraum Asunción etliche indigene Siedlungen entstanden.  

Lange her – doch immer noch spürbar

Die Kolonialisierung hat bei den indigenen Völkern Paraguays tiefe und bis heute spürbare Spuren hinterlassen – sowohl materiell als auch kulturell und spirituell. 

Mit der spanischen Eroberung ab dem 16. Jahrhundert begann eine massive Aneignung von Territorien. Zentrale Lebensräume der Guarani, Aché und anderer Völker wurden in Jesuiten- und Franziskaner-Reduktionen oder Kolonialgüter überführt und verblieben später in staatlichem oder privatem Besitz.   

Eine Gewaltgeschichte

Indigene wurden teils in die Encomienda-Systeme gezwungen: harte Arbeit in Landwirtschaft, Reduktionen und Handwerk. Frauen wurden geraubt und mit den Eroberern zwangsverheiratet. Gruppen wie die Aché erlebten bis ins 20. Jahrhundert regelrechte Jagden und massive Menschenrechtsverletzungen. 

Diese Gewaltgeschichte wirkt bis heute nach – in Form von traumatischen Erzählungen, Marginalisierung und Rassismus. 

Man kann sie so oder so sehen – die Reduktionen

Die Reduktionen („reducciones“) der katholischen Orden waren große Anlagen mit Wohnräumen, Werkstätten und großen Kirchen. Die Indigenen (v.a. Guarani-Mbya) wurden angeleitet, Steine zu behauen, Gebäude daraus zu errichten und zu schmücken, Geigen und sogar Orgeln zu bauen. Gemeinschaftlich wurden Gärten angelegt und die Befestigungsmauern zum Schutz vor den räuberischen Banden hochgezogen.

Die Reduktionen hatten einerseits schützende Elemente (kollektives Land, Sprachpflege des Guarani, Schutz vor Überfällen), bedeuteten aber auch Zwang zur Sesshaftigkeit. Traditionelle spirituelle Praktiken (z. B. Mbya-Rituale, Heilpflanzenkunde) wurden unterdrückt oder als „heidnisch“ verfolgt. Viele Bräuche gingen verloren, manche überlebten „im Verborgenen“ und werden bis heute gepflegt. 

Bei der Zerschlagung der Reduktionen durch die königlichen spanischen Truppen flüchteten die Mbya in die Wälder und behielten ein großes Misstrauen gegenüber Fremden – bis heute. 

Die Guarani-Sprache überlebte die Kolonialzeit erstaunlich stark – vermutlich durch die Jesuiten, die sie verschriftlichten. Heute ist Guarani neben Spanisch Amtssprache Paraguays. 

Indigene haben in Paraguay bis heute überdurchschnittlich hohe Armutsraten und eingeschränkten Zugang zu Gesundheitsversorgung, Bildung und politischen Rechten. Die Kolonialisierung legte die Grundlage für ein ungleiches Landverteilungssystem, das heute in den Konflikten um Soja und Viehzucht sichtbar wird.  

Aktuelle Herausforderungen

Der weit verbreitete Anbau von Marihuana bringt zwar manchen ein gutes Einkommen, verursacht aber auch gewalttätige Konflikte. 

Der UN-Menschenrechtsausschuss stellte 2021 fest, Paraguay habe die illegale Pestizid-Kontamination auf Avá-Guaraní-Land nicht verhindert. Gemeinden berichten über Ernteausfälle, tote Tiere und gesundheitliche Schäden – mit Folgewirkungen für Ernährungssouveränität und kulturelle Praktiken.  

Die fast vollständige Abholzung der atlantischen Wälder Ost-Paraguays reduzierte Jagd- und Sammelgebiete, heilige Orte und Wasserquellen. Wiederkehrende Dürren und Brände verschärfen die Vulnerabilität der Siedlungen. Manche Mbya-Gemeinden siedelten in städtische Randlagen um, weil sie sich davon ein einfacheres Leben versprechen. Dort leben sie vom Betteln, dem Straßenverkauf oder suchen im Müll nach Verwertbarem. 

Vertretung der indigenen Bevölkerung

Das INDI (Instituto Paraguayo del Indígena) ist für die Durchsetzung indigener Rechte zuständig, arbeitet jedoch zentralisiert (Asunción) und mit begrenzter Durchsetzungskraft – ein Defizit für entlegene Siedlungen im Osten.  

Indigene und Politik

Am 12. Oktober 2023 („Tag des indigenen Widerstands“) zogen Hunderte Angehörige verschiedener indigener Völker durch Asunción, um konkrete Rechte einzufordern – etwa Landsicherung, legale Anerkennung ihrer Territorien, Wasserzugang, und ein Ende von Entrechtungen und Vertreibungen.  

Die Protestierenden trafen sich vor dem Kongress und zogen zur Plaza Italia, begleitet von traditioneller Mbya-Guaraní-Musik. Das war Ausdruck eines landesweiten politischen Engagements – trotz geringen institutionellen Einflusses (z. B. keine indigene Abgeordneten im Parlament). (Efe und Minority Rights Group iwgia.org) 

Paraguay hat die ILO-Konvention 169 1993 ratifiziert und die UN-Erklärung über die Rechte indigener Völker unterstützt. Dennoch kritisieren internationale Gremien die mangelhafte Umsetzung, insbesondere bei Landtiteln, Konsultation (FPIC) und Schutz vor Gewalt. Die Interamerikanische Menschenrechtsgerichtsbarkeit verurteilte Paraguay in mehreren Landrechtsfällen und mahnt effektive Restitution an.  

Die Lage der indigenen Siedlungen auf dem Land

Straßendörfer könnte man die indigenen Siedlungen nennen, durch die eine Stromlinie führt. Parallel zur Stromtrasse gibt es immer auch eine Erdstraße. Wo es eine Stromleitung gibt, verändert sich das Bild, denn alle wollen Strom nutzen und siedeln sich entsprechend an. 

Die Aché haben schon immer eng zusammen gewohnt, aber für den Stromanschluss nähern sich auch die Nachbarn anderer Ethnien einander an.  

Die Art der Häuser hat sich ebenfalls verändert. Es gibt staatliche und andere Projekte, durch die in den letzten 15 Jahren schon viele Ziegelhäuser in den Siedlungen gebaut worden sind.  

Der Landbesitz der Indigenen

Viele indigene Siedlungen verpachten ihr Land an große landwirtschaftliche Betriebe, die die Felder mit Traktoren und Maschinen bearbeiten. Um das Land selbst zu bestellen, fehlen Finanzen, Knowhow, Erfahrung und die entsprechenden Kooperativen. Die Landschaft hat sich in den vergangenen Jahrzehnten durch die intensive landwirtschaftliche Nutzung durch Großbetriebe stark verändert. Die Familienanwesen sind oft nur noch kleine Inseln inmitten riesiger Mais-, Soja- oder Getreidefelder. 

Die Pachteinnahmen werden mehr oder weniger gerecht und sinnvoll in den Siedlungen verteilt oder investiert. Leider profitieren oft vor allem die Großfamilien der Häuptlinge oder Siedlungsvorsteher davon. Manche Siedlungsgemeinschaften schaffen es aber auch, dass alle einen Gewinn davon haben.  

Dass jeder sein Stück Land mit Hacke und Machete bearbeitet ist heute nicht mehr attraktiv. In Handarbeit bewirtschaften die Familien ihr Maniok-Feld und viele Familien pflanzen auch Süßkartoffeln, etwas Mais, Bohnen und einen Gemüsegarten für den Eigenverbrauch an. Aber für die kommerzielle Nutzung ist der Aufwand zu groß für einen geringen Gewinn.  

Schulbildung

In Ost-Paraguay findet man in fast allen Siedlungen eine Grundschule. Ab der sechsten Klasse wird es vielerorts schon schwieriger, eine Schule zu erreichen. Es gibt eine Unterscheidung zwischen „indigenen“ und anderen Schulen. Leider ist das akademische Niveau an den indigenen Schulen in aller Regel noch deutlich niedriger als an den anderen Schulen auf dem Land. Wir sehen es als ein sehr hoffnungsvolles Zeichen, dass inzwischen ca. 15 Lehrer an indigenen Schulen arbeiten, die wir durch Stipendien und persönliche Begleitung unterstützt haben. Wir rechnen damit, dass nach und nach das Niveau an diesen Schulen angehoben wird. 

Gesundheit

Staatliche Gesundheitsposten werden in immer mehr Siedlungen aufgebaut und sind dann von Montag bis Freitag von einem kleinen Team besetzt. So finden viele Patienten schon nach wenigen Kilometern medizinische Hilfe im Sinne einer hausärztlichen Versorgung. Manche Siedlungen haben aber auch noch weite Wege bis zum nächsten Arzt. V.a. Fachärzte zu erreichen erfordert meist eine weite Reise.  

Einige der von uns ausgebildeten Gesundheitshelfer haben eine Anstellung bei den staatlichen Gesundheitszentren auf dem Land gefunden.   

Straßen

Über die Jahre sind in Paraguay viele Straßen gebaut und ausgebaut worden, sodass die Anbindung der indigenen Siedlungen an das Straßennetz viel besser geworden ist. Auch die Erdstraßen sind vielerorts gut gepflegt. Mit kleinen Motorrädern erreichen die Menschen die nächste Kleinstadt recht gut – und Motorräder können sich inzwischen die meisten Familien leisten.  

Für viele indigene Menschen aus ländlichen Regionen bleibt die Hauptstadt schwierig erreichbar. Besonders bei gesundheitlichen Notfällen oder für Behördengänge. (cidh.oas.org)  

Geistliches Leben

Ihre kulturelle Identität ist nach wie vor ein wichtiges Fundament der indigenen Ethnien. Leider werden sie genau an dieser Stelle oft von politisch oder ideologisch motivierten Gruppen instrumentalisiert und ihr Weltbild idealisiert. Dabei leiden viele auch heute noch aufgrund ihres animistischen Weltbildes genauso unter der Angst vor Geistwesen wie ihre Vorfahren. Häusliche Gewalt, Missbrauch und Sucht prägen das Leben vieler Indigener. Eltern hoffen, dass ihre Kinder irgendwie eine Chance bekommen und aus der Spirale aus Angst, Armut und Perspektivlosigkeit herauskommen.  

Wie unterstützen DIPM-Missionare indigene Siedlungen in Ost-Paraguay?

Bildung

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Gesundheits- förderung

Begleitung indigener Gemeinden